Mein Name sei Johnny – Rezension zu Teresa Präauers “Johnny und Jean”

Teresa Präauer entwirft in ihrem zweiten Roman “Johnny und Jean” das Porträt eines jungen Mannes als Künstler

“Ich stelle mir vor” – so beginnt es, und beginnt so nicht alle Literatur? Mit der Beschwörung der Geisterwelt unserer Imagination, mit der Aktivierung des Möglichkeitssinns? Und nicht nur alle Literatur, sondern gleich die Kunst und das menschliche Handeln überhaupt? Schwere tiefe Fragen, die in demTeresa Präauers zweitem Roman “Johnny und Jean” auf leichte, aber nicht immer oberflächliche Weise gestellt und zum Glück nicht beantwortet werden. 
Was auf den nächsten 200 Seiten an Geschichten und Geschichtchen, an Dialogen und Beobachtungen, an Sottisen und Bonmots folgt, ist sich nicht immer darüber im Klaren, zu welcher Welt es eigentlich gehören will. Gibt es hier eine Realität, oder ist alles bloß bezuglose Imagination? Denn zwischen der Phantasiewelt des Erzählers und einer behaupteten Außenwelt bewegen sich die Figuren hin und her: Johnny, der Erzähler, und Jean, sein bester Freund, dazu das halbe Kunststudentenpersonal des Campus der zweitgrößten Stadt des Landes und die halbe Hall of Fame der Kunstgeschichte. Wirklichkeit ist hier nicht nur ein Konstrukt, auch ihr Konstruktion ist konstruiert und als solche Thema. Sicher ist nichts, und nicht einmal das.
Diese Vagheit, die während des Lesens zwar immer der Aufhebung entgegenstrebt, jedoch beharrlich verweigert wird, verwischt die Konturen des Textes, seine Farben verschwimmen ineinander, ohne jedoch zu einem faden Grau zusammenzulaufen Zwischen Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Wahnvorstellung spinnt Präauer eine Erzählung, die sich um herkömmliche Wirklichkeitsversicherung nicht allzu sorgsam kümmert. 
“Johnny und Jean” erzählt von einem jungen Kunststudenten, der sich selbst gern Johnny nennt, weil das cool klingt, cooler zumindest, als er selber bislang seiner Umwelt erscheint. Er erzählt von sich als von einem, der auszog um Künstler zu werden: noch nicht mit der nötigen Chuzpe und Verve ausgestattet, aber schon mit dem Blick für die Kunst der Selbstinszenierung. Die allerdings kann er vorerst nur an anderen bewundern, und damit kommt ein zweiter in die Welt und Geschichte: Jean, der diese Kunst auf jeden Fall gemeistert zu haben scheint. In der Großstadt, in die beide aus ihrem Provinzkaff gekommen sind (einem Kaff, in dem die Leute nicht wirklich Johnny oder Jean heißen), studieren beide Kunst, durchzechen die Nächte, machen ihre ersten Schritte auf dem Kunstmarkt: der eine beholfen, der andere unbeholfen. Johnnys Erzählerblick bleibt der eines Außenseiters, der seine Zeit damit verbringt, Fische zu malen und davon zu träumen, dass er ein guter Freund des angesagtesten Typen ist: einer, der sich Jean nennt (oder den Johnny so nennt?), eine coole Sau, jemand, der im Freibad Saltos vom 3-Meter-Brett macht und auch sonst seinen Körper beherrscht:

Währenddessen hat sich Jean, da bin ich mir sicher, längst auf die Reckstange geschwungen gehabt und seinen Körper dort oben herumwirbeln lassen, die Pflicht erledigt, gefolgt von einer vierteiligen Kür.

Und so ist es vor allem dieser Antagonismus, der die Geschichte vorwärts treibt und für Reibung sorgt. Die beiden Freunde könnten unterschiedlicher nicht sein, Johnny unscheinbar, Jean Aufsehen erregend. Johnny naiv, Jean abgeklärt. Wie Johannes der Täufer ist Johnny nur der, der vor Jesus-Jean hergeht “und Zeugnis ablegt für das Licht.” Jean ist erfolgreich. Seine Kunst gefällt, er bekommt eine erste eigene Ausstellung, die Frauen lieben ihn. Johnny dagegen, der sich mit Fisch-Studien rumschlägt, die niemanden vom Hocker reißen, ist neidisch. Doch sein Neid ist ohne Missgunst, sein Blick auf den anderen, größeren von schamhafter Selbsterkenntnis geprägt:

Wenn ich zum Himmel blicke, sehe ich dort Jeans ausgerolltes Bild über mir, das die Sonne verdeckt, ein ganzes Jahr. Ich schäme mich für die Fische und dafür, dass ich es nicht verstanden habe, sie daheim zu lassen in meinem Bubenzimmer.

In Johnnys Träumen geschieht das Unmögliche, nämlich dass der Angehimmelte vom Anhimmelnden tatsächlich Notiz nimmt, die beiden sogar Freunde werden. „Ich stelle mir vor“ eben. Jean ist so sehr Johnny wie Johnny und Jean in jedem und jeder von uns stecken, ein erträumtes Ich, ein Tyler Durden der Aktionskunst, „ein Freak in der Stadt“, wenn man Johnnys Urteil folgen will, einer, mit dem man bis in die Nacht Pastis trinken kann. 

Ich hab auch den Zeitpunkt verpasst, ihn darüber aufzuklären, dass er bei der Aussprache das -s dranhängen muss.

Der Umgang mit dem Blick auf den anderen, das Schwanken zwischen Angst, Zweifel und Hochmut, die Unsicherheit der eigenen Identität gegenüber, das Verlangen, jemand anders zu sein, oder auch nur überhaupt jemand zu sein – all das prägt Johnnys Erzählen noch in die kleinsten Beobachtungen. Die werden unter seinem Blick zu Kunst, beim Erzählen in dieser beweglichen, mal ironisch-abgeklärten, mal kitschig-verträumten, um Sound bemühten Sprache des Romans – alles wird hier zu Kunst, das eigene Herumeiern, das Leben der Anderen, die Kneipengespräche und die Dialoge mit Kunstheroen wie Lucas Cranach. Der ältere? Egal, ist ja eh aller nur vorgestellt. Ein wenig Realität, ja Erlösung bringt mal wieder die Frau, Louise die Kanadierein, die Jules und Jim, sorry: Johnny und Jean einander ausspannen. Aber wer hier Realismus, Identifikation gar erwartet, wird mit Sicherheit enttäuscht.
Teresa Präauer, für ihren Debütroman ,Der Herrscher aus Übersee’ 2012 mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet, zeichnet in “Johnny und Jean” die éducation sentimentale des angehenden Künstlers. Dessen Tagträumereien zwischen Wunsch und Wirklichkeit lassen uns teilhaben an der der Geburt der Kunst aus dem Geist der Unterlegenheit, und zudem noch an einer bisweilen berührenden Freundschaftsgeschichte. Ein bisschen von allem, ein bisschen von gar nichts, und dabei heiter-unbekümmert um literarische Label, bewegt sich „Johnny und Jean“ zwischen Coming-of-Age-Geschichte, Künstler- und Bildungsroman und einer Satire über die Eigenarten des Kunstbetriebs, in dem Eigensinn vor Maßhalten geht, und wir lernen: Selbstinszenierung kann auch Arbeit machen.

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Unwort des Jahres 2015: Qualitätsjournalismus?

Jehova, Lügenpresse, Autobahn: Zur Ächtung von Medienkritik


Seit eine “unabhängige Jury” den Begriff “Lügenpresse” zum Unwort des Jahres 2014 bestimmt hat, entbrennt eine Diskussion über die Angemessenheit einer solchen “sprachkritischen Aktion”. Nicht in den Erzeugnissen der etablierten Presse freilich: Ihr kommt die Ächtung eines Begriffs zupass, mit dem ihr Vorgehen getadelt werden soll. Alternative Medien – obwohl sie den Begriff selber eher selten verwenden – reagieren kritischer auf die Wahl, sehen sie ihre Existenzberechtigung, ja -notwendigkeit doch in den eher beklagenswerten Verhältnissen unserer medialen Landschaft.

Seit ihrer Ablösung von der Gesellschaft für deutsche Sprache ist die Jury also eine “Sprachkritische Aktion”, die es sich zum Ziel gemacht hat, auf manipulative Tendenzen aktuellen Sprachgebrauchs aufmerksam zu machen. Vorgänger des Preisträgers sind beispielsweise “alternativlos” und “Döner-Morde”. Stoßrichtung der Rechtfertigung, “Lügenpresse” als Unwort zu verfemen, ist – seit Jahr und Tag Argument der letzten Instanz – der Verweis auf eine angeblich nazistische Vergangenheit des Begriffs: Lügenpresse “diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien“. 


Die Jury selber besteht aus vier Sprachwissenschaftlern und zwei Journalisten. Dass sechs Menschen einhundert Millionen Sprechern vorschreiben können, welche Wörter sie künftig zu vermeiden haben, ist natürlich – noch? – eine Dystopie Orwell’schen Ausmaßes. Aber dass die Schlagkraft (nachschlagen: wurde der Begriff von den Nazis verwendet?) der Aktion so enorm ist, liegt zum Einen an den medialen Ereignissen der vergangenen Jahre. Im Zuge der Ukraine-Krise wurde deutlich, wie es um die freie Presse nach dem 11. September 2001 bestellt ist. Dass das Vorgehen des etablierten Journalismus auf weiten Strecken einem Offenbarungseid gleich kommt, ist mit dem Aufkommen alternativer Medien und ihrer Verbreitung via Internet auch dem unbefangenen Presse-Kunden spätestens seit dem Spiegel-Cover “Stoppt Putin jetzt!” bewusst geworden. Und dass der zwangsfinanzierte Rundfunk und die sogenannten Mainstream-Medien nicht auf dieser Linie weitermachen können, falls sie nicht wollen, dass “Qualitätsjournalismus” künftig zum Unwort avanciert, dürfte – trotz einiger Abwehrgefechte (Achtung: Nazi-Begriff?) à la Dr. Kai Gniffke – den weitsichtigeren unter ihren Verteidigern nach der Lektüre der zahlreichen dissentierenden Kommentare im Internet bewusst geworden sein. (Den kurzsichtigeren leisten hier noch immer die Begriffe “Kreml-Agent” oder “Putin-Troll” gute Dienste.)

Zum anderen aber liegt die Macht, die eine selbsternannte Jury über Wohl und Wehe eines Begriffes haben kann, in der Macht ihrer Multiplikatoren: solange sie Echo findet, wird ihr Tun auch Wirkung zeitigen. Stellen wir uns einmal vor, nicht das sieben Mal (!) eingesandte “Lügenpresse”, sondern das 60-mal (!!) eingesandte “Putin-Versteher”, Kampfbegriff der NATO-Pressestellen, hätte es auf den ersten Platz geschafft – wie hätte das Echo in diesem Fall ausgesehen? NATO-Pressestelle ist übrigens auch ein Kampfbegriff, diesmal von der anderen Seite.
(Zur Verteidigung der Jury ist zu sagen, dass der zweite Begriff, zumindest in der abgemilderten Version “Russland-Versteher”, es auf den dritten Platz geschafft hat und auch die angegebene Begründung überzeugt: Ein Begriff, der die Tugend des Verständnisses diffamiert, hat seine Auszeichnung zum Unwort wahrlich verdient.)

Walter Lippmann
Daran lässt sich die gatekeeping-Funktion des Journalismus, die der US-amerikanische Publizist Walter Lippmann analysiert hat, gut veranschaulichen.
Es ist wie mit dem Fallen eines Baumes im Wald: Wenn eine internationale “Jury der Wahrheitssuchenden” um den Journalisten Oliver Janich dasselbe Wort zum “Wort des Jahres” kürt, aber keine mediale Resonanz erhält – gibt es sie dann überhaupt? Wer über Wörter und Unwörter bestimmt, bestimmen immer noch die Leitmedien – und wer bestimmt über die?

Was ist überhaupt ein Unwort? Und ist es nicht selber eines? Will uns das Aufstellen von Warnschildern ein Sprechverbot erteilen, das schließlich mit einem Gedankenvebot einhergeht – Neusprech-Verhältnisse, in denen über die Unzulänglichkeiten des aktuellen Journalismus nicht mehr nachgedacht, geschweige denn gesprochen werden darf, weil … Ja, warum? Wegen seiner sprachgeschichtlichen Aufladung des Begriffs, auf den sich einige Kritiker der Verhältnisse eingeschworen haben und in dem sie ihre Auffassungen von der Existenz einer wahrhaft freien Presse in einem Land das Pressefreiheit zusammenfassen (um akademische Standards wie Quellenangaben etc. muss sich eine unabhängige Jury, selbst wenn sie aus Sprachwissenschaftlern besteht, freilich nicht kümmern), und weil er “pauschal diffamiert”. Zweiteres ist in der Tat eine seltsame Begründung. Können Begriffe an sich überhaupt pauschal diffamieren? Schließlich kommt es immer auf den Kontext an, in dem sie stehen. Ein Begriff ist für sich genommen weder pauschal noch differenziert, er diffamiert auch nicht durch seine bloße Verwendung – erst der Zusammenhang macht Pauschalität und Diffamierung möglich und erkennbar.

Seltsam mutet auch die Begründung an, die Verwendung des Worts “Lügenpresse” gefährde die “Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist”. Die Verbindung von Wortwahl zu handfester Gewalttat wird hier derart manipulativ gezogen, dass man an der Ernsthaftigkeit des Arguments zweifelt. Diese Technik der Meinungsmathematik im Dreischritt von Medienkritik – Lügenpresse – Terroranschlag hat kürzlich die Fernsehsendung “Die Anstalt” dargestellt:






Aber offensichtlich gibt es sie, Wörter, die man guten Gewissens nicht verwenden kann, weil sie Reminiszenzen hervorrufen an schlimmere Zeiten, Relikte einer überholt gehofften Geisteshaltung. “Unwertes Leben”, “gnädiger Tod”, “ethnische Säuberung” sind Unwörter, weil sich hinter ihnen eine menschenverachtende Haltung mehr schlecht als recht versteckt. 
Victor Klemperer hat bereits 1947 dafür plädiert, “viele Worte des nazistischen Sprachgebrauchs für lange Zeit, und einige für immer, ins Massengrab zu legen.”

Ob das Verdikt aber auch das Wort “Lügenpresse” trifft, wie die Jury behauptet, erörtert Rico Albrecht in seinem Beitrag: “Sprache als Waffe. Lügenpresse gegen Verschwörungstheoretiker”.





“Lügenpresse”, hier mit dem Epitheton “braun” versehen, wurde demnach also auch von Regime-Gegnern wie dem sozialdemokratischen Wochenblatt “Neuer Vorwärts” an prominenter Stelle verwendet. Auch Anno Klönne zeigt in seinem Aufsatz, dass “Lügenpresse” von Widerstandsgruppen des NS-Regimes verwendet wurde, sogar gegen Goebbels selber. Was nun? Soll man jeden Begriff ächten, den Nazis in propagandistischer Absicht verwendet haben, selbst wenn er auch von ihren Gegnern ins Feld geführt wurde? Oder soll man sich von Hitler nicht auch noch vorschreiben lassen, wie man zu reden habe und wie nicht?


Dabei ist “Lügenpresse” wahrscheinlich nicht einmal ein besonders günstiger Begriff; er ist keiner, der die mediale Situation besonders treffend beschreibt, weil das eigentliche Problem der Meinungsmacht, die Medien haben, nicht die Lügen sind, die sie verbreiten. Oft beabsichtigen die Journalisten selber ihre Statements und Kommentare nicht als bewusste Lügen – ich würde ihnen im besten Fall guten Willen, im schlechteren Unwissenheit und ideologische Verblendung, und nur im schlimmsten und selteneren Fall durchtriebene Bosheit und Gaunermoral unterstellen. Mediale Lügen im engeren Sinne sind auch nicht die Fallstricke, vor der eine offene Gesellschaft auf der Hut zu sein hat – Falschmeldungen können als solche entlarvt, Opfer unwahrer Behauptungen können eine Gegendarstellung erwirken (wie kürzlich im Fall des Journalisten Werner Rügemer).
Wahrhaftes Gift, das langsam durch die Adern rinnt und das öffentliche Bewusstsein fast unmerklich vernebelt, sind die subtilen Taktiken der Manipulation: permanente Auslassungen, eine voreingenommene Auswahl von Fakten und Zitaten, das Missachten des 
Audiatur-et-altera-pars-Prinzips, Einseitigkeiten in der Darstellung, eine euphemistische Sprachverwendung (“Luftschläge”, “defensive Waffen”, “humanitärer Einsatz”) und – vor allen anderen – die voreingenommene Sichtweise auf die Ursachen eines Konflikts.
Denn es kommt bei allen Diskursen stets darauf an, wo man zu erzählen beginnt. Alle Kontroversen über Schuld an und Lösungsmöglichkeiten von Konflikten haben ihr Reibungspotential in der differierenden Auffassung der Streitenden darüber, welchen Zeitpunkt man als “Stunde Null” wählt: Was war zuerst, und was ist Reaktion? Wer z. B. im Ukraine-Konflikt Partei ergreift, muss sich vorher eine Meinung darüber gebildet haben, welches Vorgehen welcher Seite der ausschlaggebende Katalysator war: War es der Protest auf dem Maidan-Platz gegen eine korrupte Regierung, dann sind die Soldaten in den Ostgebieten im Grunde Staatsfeinde und Terroristen: “pro-russische Separatisten”. War es die finanzielle Unterstützung der USA für die Ukraine, dann sind die Soldaten in den Ostgebieten Verteidiger gegen eine vom Westen gesteuerte Putsch-Regierung: “Freiheitskämpfer”. War es die permanente Unterstützung Janukowitschs durch die russische Regierung oder die Ost-Erweiterung der NATO? Und so weiter …
In den Medien wird viel zu selten über Anfänge der jeweiligen Erzählungen reflektiert. Erstaunlich ist, dass dort viele Ereignisse beinahe unverbunden, zusammenhanglos nebeneinander stehen und dass diejenigen, die Verbindungslinien ziehen wollen, die über die reine Aktualität herausgehen, oft mit dem Kampfbegriff “Verschwörungstheoretiker” (von Rico Albrecht eingereichter Vorschlag zum Unwort des Jahres) belegt werden.
Die etablierten Medien haben sich in den letzten Jahren oft so verhalten wie ein Fußballtrainer, der während eines Spiels ein Foul an seinem Spieler beobachtet: aufgeregt winkend und wie Guardiola den vierten Offiziellen belagernd. Fußballtrainer bemerken gemeinhin allerdings auch die Fouls ihrer eigenen Mannschaft am Gegner – und erkennen sie auch als solche. Dann gilt es, zu schweigen, zu ignorieren und abzuwiegeln; im schlimmsten Fall kann man auch mal aufgeregt winken und dem Gegner eine Schwalbe unterstellen – wider besseren Wissens.
Eine offene Gesellschaft wünscht sich und braucht zum Überleben allerdings keine Medien, die wie Fußballtrainer agieren, für die bereits vor Spielbeginn die richtige Seite feststeht. Sie braucht Schiedsrichter-Medien: unvoreingenommen, neutral und um Objektivität bemüht.


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W. Sofsky: “Weisenfels” – Als man noch wußte, was das Abendland war – Rezension

Wolfgang Sofskys Roman “Weisenfels” macht den Leser zum Zeugen einer Reise ins Niemandsland

Bei einer Zeitenwende, heißt es, kriegen nicht alle die Kurve. Der Protagonist aus Wolfgang Sofskys neuem Buch „Weisenfels“ gehört zu denen, die ein Bemühen darum von vornherein ablehnen. So lebt er, fernab finanzieller Nöte und Alltagssorgen, der profanen Wirklichkeit abhanden gekommen, in der Abgeschiedenheit eines Schlosses, unberührt vom Treiben der gewöhnlichen Menschen. Aber diese Zeitenwende nimmt in Sofskys Text nur einen Zuschauerplatz ein – zauberberghaft hat sich ein “stehendes Jetzt” der Welt bemächtigt, während im Flachland die Dinge ihren Gang gehen. Der Held, Detloff von Weisenfels, ist ein melancholisches Überbleibsel einer vergangenen, nicht unbedingt besseren, aber doch vermissten Welt, ein skeptischer Romantiker, ein Dandy des Scheiterns, egoman und von vergessen geglaubtem Dünkel. Aus einer Zeit, als in Kaffeehäusern noch geraucht wurde, “als man noch wußte, was das Abendland war” – und als man “wußte” noch mit scharfem S schrieb.

Ein unbenannter Ort in den Bergen, eher ein Dorf aus dem 19. Jahrhundert, dann ein Schloss, das seinem Verfall entgegenstrebt, dazu ein Angehöriger alteingesessenen Adels – ein Setting, das ein geräumiges Feld für Assoziationen eröffnet: Kafkas “Schloss”, Stifters “Nachsommer”, Rilkes “Malte”, Thomas Mann und so weiter … Doch hier und da finden sich noch Relikte der Gegenwart, einer Gegenwart, wie wir sie alle kennen: Supermärkte, synthetische Aromen, schnellwachsende Kiefern, Cocktailkirschen.

Das Schloss aber ist im selben Augenblick in sich versunkenes Refugium für elitäre Existenz und Gespräche bei Whisky und Zigarre als auch rein geistiger Ideen-Ort, durchweht von “gleichgültiger Weltlosigkeit”. Hier verwildern Marmorbilder im Park, hier liegen Thukydides und Pausanias in zweisprachigen Leinenausgaben im Regal: passende Kulisse für das Schauspiel der Aphorismen und Kontemplationen, die der Protagonist deklamiert. Und so ist auch „Weisenfels“ aus der Zeit gefallen und entfremdet uns – ex negativo – noch vom Allzu-Vertrauten.

Hier ist nichts wirklich, es ist eine phantasmagorische Landschaft, die Sofsky schafft, wie überhaupt die Reise des namenlosen Erzählers zu seinem Jugendfreund, eben diesem Detloff von Weisenfels, einer Traumreise gleicht. Nach dreißig Jahren erscheint dem Erzähler die Welt, in die er heimkehrt, fremd und seelenlos, auch das Verhalten seines alten Freundes oszilliert zwischen Gastfreundschaft und abweisender Unaufmerksamkeit: “Der Besucher wußte nicht, wohin er geraten war, und nichts half ihm über die Verwirrung hinweg.“ So geht es dem Leser mit guter Literatur, man gerät als Gast in ein Land, ohne zu wissen, ob man willkommen ist oder nicht. „Weisenfels“ ist ein Beispiel solch guter Literatur, die sich weigert, uns über unsere Verwirrung hinwegzuhelfen.

Schon die Genrezugehörigkeit der 230 Seiten ist ein Rätsel: Ist das ein Roman, eine längere Erzählung oder einfach nur ein Prosatext, der “Erzählung, Kunstbetrachtung und philosophische Reflexion kunstvoll miteinander verknüpft“, wie es in der Verlagsankündigung heißt? Kunstvoll ja, miteinander verknüpft – nein. Detloffs essayhafte Ausführungen stehen disparat da, ebenso wie die Figuren selbst mitsamt der gespenstischen Szenerie, und haben mit dem, was man die Überreste einer Erzählung nennen könnte, nicht viel zu tun. Hier lässt sich jemand über Kunst und Tod und Leben aus, dessen Ansichten uns nicht deswegen interessieren müssten, weil wir ihn als Person kennen lernen – ganz zu schweigen davon, dass Sofsky seinen Lesern hier irgendwelche Identifikationsangebote machen würde. Detloffs Sentenzen erreichen bisweilen die Emphase eines Oscar Wilde, wohlgemerkt ohne dessen Witz: “Was soll man tun angesichts des Mangels an Zeitgenossen, mit denen sich der Umgang lohnt?” Pessimistisch, blasiert, auf jeden Fall unzeitgemäß könnte man seine Betrachtungen nennen und wo, wenn nicht in der Literatur, hat die Unzeitgemäßheit in diesen Zeiten ihren Platz?

Detloff (allein der Name!) bleibt ein Sonderling, ein “Narr aus überlebter Zeit”, sein Schicksal lässt uns kalt, ebenso wie der Fortgang der Geschichte. Es ist eine Geschichte fortschreitenden Verfalls, wirtschaftlicher wie moralischer Natur; die Familie von Weisenfels war lange Zeit der größte Arbeitgeber in der Region, man betrieb eine Kräuterschnapsfabrik, ein Hotel und ein Gestüt, doch Detloff, der letzte Erbe, schließt radikal mit seiner Vorwelt ab: “man könne sich seine Familie zwar nicht aussuchen, aber man könne selbst entscheiden, ob man eine Familie fortsetzen wolle, für die man nicht geboren sei.” Zwischen Thomas Buddenbrook und Des Esseintes bleibt ihm nur die Flucht in misanthropische Aperçus: “Was er in Weisenfels tue, sei keine Passion, sondern nur eine Methode, die Zeit tozuschlagen. Er habe keine Mission, zutiefst verabscheue er Menschen mit Mission.”

Der Erzähler wird, und mit ihm der Leser, zum Zeugen gerufen für die stattfindende Abwicklung vom Überkommenen, darin findet er seinen Zweck. Wie er wohnen wir einer tabula rasa bei, die vor dem Schönen und Erhabenen keinen Halt macht. Banalität und Barbarei, hier geistig-ästhetischer Naur, sind auf dem Vormarsch. Eine “kleine Lust am Untergang” des Abendlands bemächtigt sich unser. Den letzten Ausweg aus dieser Zeitenwende kann Detloff erwartungsgemäß nur in einer “Reise ins Niemandsland” finden.

Sofskys Roman selber aber ist nur Beobachter der Reisevorbereitungen. Die Höhe seines Stils, geprägt von spröder Eleganz, bleibt konstant auf elitärem Niveau, die beinah harmonische Verfasstheit von “Weisenfels” macht den Abstieg seines Protagonisten nicht mit. In Sprache und Stil, in Tonfall und Textur, vor allem aber in seiner Verweigerungshaltung dem konventionellen Erzählen gegenüber behauptet er ein Kunstverständnis, dessen Verlust er gleichzeitig beklagt.

Wolfgang Sofsky: Weisenfels. Roman.
Matthes & Seitz, Berlin 2014
235 Seiten, 22,90 €
ISBN: 3957570050

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Friedrich Engels über die Ukraine-Krise

Eine Revolution ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partei muß, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen.


Friedrich Engels: Von der Autorität (1873)

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Rezension zu: Wolfgang Sofsky: “Weisenfels”

weisenfels

Als man noch wußte, was das Abendland war

Rezension

Wolfgang Sofskys Roman “Weisenfels” macht den Leser zum Zeugen einer Reise ins Niemandsland

Bei einer Zeitenwende, heißt es, kriegen nicht alle die Kurve. Der Protagonist aus Wolfgang Sofskys neuem Buch „Weisenfels“ gehört zu denen, die ein Bemühen darum von vornherein ablehnen. So lebt er, fernab finanzieller Nöte und Alltagssorgen, der profanen Wirklichkeit abhanden gekommen, in der Abgeschiedenheit eines Schlosses, unberührt vom Treiben der gewöhnlichen Menschen. Aber diese Zeitenwende nimmt in Sofskys Text nur einen Zuschauerplatz ein – zauberberghaft hat sich ein “stehendes Jetzt” der Welt bemächtigt, während im Flachland die Dinge ihren Gang gehen. Der Held, Detloff von Weisenfels, ist ein melancholisches Überbleibsel einer vergangenen, nicht unbedingt besseren, aber doch vermissten Welt, ein skeptischer Romantiker, ein Dandy des Scheiterns, egoman und von vergessen geglaubtem Dünkel. Aus einer Zeit, als in Kaffeehäusern noch geraucht wurde, “als man noch wußte, was das Abendland war” – und als man “wußte” noch mit scharfem S schrieb.

Weiterlesen: 

https://www.freitag.de/autoren/gkaiser/als-man-noch-wusste-was-das-abendland-war

Was heißt es, religiöse Gefühle zu verletzen?

Jetzt, da einigen die Peinlichkeit der Je-suis-Charlie-Hysterie bewusst wird, während gleichzeitig 
in Niger und Pakistan bei Ausschreitungen Menschen ums Leben kommen, weil sie gegen die neue Charlie-Hebdo-Ausgabe und deren Mohammed-Karikatur protestieren, ist vielleicht der richtige Zeitpunkt gekommen, um über die Frage nachzudenken, was es eigentlich bedeutet, religiöse Gefühle zu verletzen. Was sind religiöse Gefühle überhaupt, wie bekommt man sie, wie bekommt man sie wieder weg, und wie verletzt man sie bei anderen? Wie schützt man seine eigenen religiösen Gefühle vor der Verletzung durch andere?
Müssen religiöse Menschen alles hinnehmen, was im Namen von Meinungs- und Pressefreiheit als Urteil über das, was ihnen heilig ist, ergeht? Und wenn sie es nicht hinnehmen – welche Rechte haben sie, sich zur Wehr zu setzen? Andersherum gefragt: Muss unsere Gesellschaft auf jedes dahergelaufene Gefühl Rücksicht nehmen, nur weil es sich religiös nennt, und aus ebendieser Rücksicht vermeiden, Seife mit Minarettaufdruck zu verkaufen?
In diesem Sinne sollte man auch fragen: Was hat das Verletzen von religiösen Gefühlen mit der Gewährung von Grundrechten in einer offenen Gesellschaft zu tun? Ist es erlaubt, religiöse Gefühle zu verletzen, oder gar geboten? Eine Art heilige Pflicht des Säkularismus? Und wo verläuft die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung und persönlicher Beleidigung?

Ein Gedankenexperiment, das zurzeit viele anstellen, denen die Doppelmoral der Kommentatoren aufgefallen ist: Wie hätte die Öffentlichkeit, wie hätten die Medien reagiert, wären bei Charlie Hebdo nicht fortwährend “islamische Gefühle”, sondern “jüdische” verletzt worden (in Anführungsstrichen, weil ich mir nicht im Klaren darüber bin, was islamische bzw. jüdische Gefühle überhaupt sein sollen)? Wären wir auch alle Charlie, wenn die Karikaturen fortlaufend Juden gezeigt und ihren Glauben verunglimpft hätten?
Dem deutschen Betrachter zumindest muss die Erinnerung an die antisemitischen Zeichnungen eines Philipp Rupprecht (Hauptzeichner der Hetzzeitschrift “Der Stürmer”), die gerade die neueste Karikatur vom weinenden Mohammed mit seiner Hakennase und seinen Schwulstlippen evoziert – Unwohlsein bereiten  – wo liegt der Unterschied? 
Auf der Hand, wird man antworten, denn: der Islam ist eine Religion und als solche eine Ideologie, die wie alle anderen Ideologien auch der Möglichkeit der Kritik ausgesetzt sein muss, wenn die Behauptung von Presse- und Meinungsfreiheit nicht nur eine leere Phrase sein soll. Juden dagegen werden von Antisemiten nicht als Glaubensmitglieder einer Religion verunglimpft, sondern pauschal als Angehörige einer Ethnie – daher ist Antisemitismus Rassismus und erfüllt als solcher den Tatbestand der Volksverhetzung (in Frankreich initiation à la haine raciale), während Karikaturen, die religiöse Attribute von Moslems stereotyp darstellen, notwendige Mittel der Satire sind.
Das Problem liegt vielleicht im Begriff Ideologie und der Sicht auf die individuelle Freiwilligkeit religiöser Zugehörigkeit. Weil ethnische Zugehörigkeit nicht freiwillig ist, ist die Diskriminierung, die auf ihrer Grundlage stattfindet, in unserem Empfinden moralisch verwerflicher als die Diskriminierung aufgrund weltanschaulicher Ansichten – man könnte ja eine andere Religion wählen -, obwohl dieser Unterschied in entsprechenden Gesetzestexten nicht gemacht wird: 

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Grundgesetz, Art. 3 (3)

Die wenigsten Fanatiker werden allerdings ihre persönlichen Weltanschauungen, ob religiös oder politisch, als Ideologien und als frei gewählt betrachten. Darin scheint der Grund des Übels zu liegen, das religiös motivierter Terrorismus über uns bringt. Fanatiker sehen den Kern ihrer eigenen Identität verletzt oder bedroht, wenn jemand sich über ihre Anschauung lustig macht – eine Vorstellung, die dem weltanschaulichen Fragen gegenüber üblicherweise eher indifferenten aufgeklärten Atheisten fremd bis lächerlich vorkommt. Daher sind auch Kommentare wie der Christoph Siebers so verständlich wie nicht hilfreich: Wenn religiöse Gefühle durch das Titelbild einer Zeitung verletzt werden, dann kaufe man diese einfach nicht – diese Aufforderung kommt nicht nur für religiöse “Extremisten” dem Rat gleich, man solle sich eben stillschweigend abwenden, wenn die eigene Familie in der Öffentlichkeit beleidigt wird.
Nun könnte uns diese ganze Überlegung kalt lassen ebenso wie Menschen, die sich angesprochen und persönlich beleidigt fühlen, wenn man ihre Überzeugungen aufs Korn nimmt (von denen sie sich nicht einmal für einen Moment selbstironisch distanzieren können) – schließlich könnten sie diese ja auch ändern. Zumal diese Menschen, sobald sie Gewalt als Mittel in Erwägung ziehen, keinen Anspruch auf Rücksichtnahme ihrer Argumente im intellektuellen Diskurs mehr haben.
Aber vielleicht sind das gar nicht die richtigen Fragen. Vielleicht blendet die derzeitige Diskussion um religiösen Fanatismus vs. aufgeklärten Pluralismus, um das Gewaltpotential, das in einer Religion steckt, und lenkt vom Wesentlichen ab. Was aber wäre das?
Ein nächstes Gedankenexperiment: Wie wäre es, in einer Welt zu leben, in der eine Gruppe von Staaten nicht seit Jahrzehnten eine andere Gruppe von Staaten angreift – sei es mit Bomben und Drohnen, sei es mit Sanktionen, Putschen und installierten Regimes? Wie wäre es, wenn es keine Gruppe von Staaten gäbe, die behauptet, in der Sorge um die Sicherheit ihrer Bürger und um den globalen Fortschritt von Menschenrechten und Demokratie fremde Staatsgebiete in ihrer Souveränität zu bedrohen, dort unzählige Menschen zu töten und das ganze Unternehmen “Friedenseinsatz” und “war on terror” zu nennen? Wäre die Religion, die in den überfallenen Gegenden vorherrscht, noch immer eine gewalttätige – besser gefragt: Hätten extremistische Kräfte, die vielleicht jeder Religion – mal mehr, mal weniger genuin – innewohnen, in dieser Welt überhaupt eine Chance? Würde sich in den unterdrückten Ländern vielleicht noch viel stärker eine Zivilgesellschaft herausbilden, deren Eigenkräfte jeglichen Fanatismus (die Ideologie der Schwachen) zurückweisen würden?
Ist die Blasphemie, die religiöse Beleidigung, nur die Speerspitze, die harmlos bliebe, gäbe es da nicht die Lanze des westlichen Interventionismus, die nicht nur im Irak mit Uran ummantelt ist? Die nicht nur in Syrien und Libyen für die Zerstörung lebensnotwendiger Infrastruktur und jahrtausendealter Kulturstädte gesorgt hat? Die nicht nur in Pakistan und im Jemen ohne Anklage und Anhörung Todesurteile gegen Menschen vollstreckt?
In den westlichen Medien werden die Anschläge von Paris und die Aggressionen vonseiten der Muslime selten in Verbindung mit dem Handeln westlicher Regierungen in deren Herkunftsländern gebracht. Vielleicht ist das unschicklich angesichts der Toten, die die Terroristen auf dem Gewissen haben. Und seltsam ist es schon: Da richtet sich der Terror gegen ein Satireblatt und es werden Menschen ermordet, die Karikaturen gezeichnet haben, während diejenigen, die nicht nur vage religiöse Gefühle verletzen, sondern ganz handgreiflich Menschen, die guten Sitten und das Völkerrecht, ungeschoren davonkommen. Sind die Terroristen in ihrem Feindbildschema genauso verblendet wie einige Leitartikler, oder richtet sich ihr Hass nur deswegen auf andere Wehrlose, weil sie der wahrhaft Verantwortlichen nicht habhaft werden können – weder durch Gewalt noch durch friedlichen Protest? Ist die Ehrwiederherstellung, die das schmerzende religiöse Gefühl lindern soll, nur ein Ventil für Hass und Wut, die sich aufgrund realer Ohnmacht aufgestaut haben?
Wie dem auch sei: Wundert sich denn wirklich jemand, dass das Töten von unschuldigen Menschen durch westliche Regierungen bei den Angehörigen irrwitzige Reaktionen hervorruft? 

Auch ohne diese Zeichnungen hätten die Jihadisten, die ein gewalttätiges Islamverständnis haben, früher oder später zugeschlagen. 

schreibt Heiner Hug wahrscheinlich zurecht, und fährt fort: “Die Karikaturen waren nur der Auslöser.” Die Frage ist nur, ob sich dieses gewalttätige Islamverständnis ohne das aktive Zutun des Westens in den islamischen Regionen der Erde überhaupt ein solches Übergewicht hätte sichern können. Welche Gefahr würde ein Auslöser darstellen, wenn es keinen Sprengstoff gäbe? 
Ein letztes Gedankenexperiment: Wer wären wir, wenn ein Terroranschlag nicht Redaktionen, sondern Regierungsgebäude treffen würde? Für wen würden wir auf die Straße gehen, wenn Gewalttaten nicht religiös, sondern als Akt der Rache für Mord und Totschlag motiviert wären? Mit wem würden wir uns solidarisieren, wenn die Opfer nicht Künstler und Journalisten, sondern Politiker und Lobbyisten der Waffenindustrie wären? Welche Werte sähen wir uns gezwungen zu verteidigen, wenn nicht die Pressefreiheit, sondern der politisch-militärisch-industrielle Komplex Ziel von Anschlägen wäre?

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