Wahrheit und Dichtung über den Dandy

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, die Menschen würden von Tag zu Tag hässlicher, die Unterhaltungen trivialer, die Manieren ungehobelter und gut geschnittene Anzüge immer schwerer zu bekommen? Entweder sterben Sie – aber bitte „über Ihre Verhältnisse“, wie Oscar Wilde am Ende seiner Tage klagte – oder Sie tragen fortan mit Ihrer Erscheinung dazu bei, das Antlitz dieser Welt zu verschönern. Wenn Sie sich als Remedium für ein Leben abseits plebejischer Sitten entscheiden und stattdessen eine Schildkröte in der Fußgängerzone (die Sie fortan „Passagen” nennen) spazieren führen, dann dürfen Sie in George Bryan Brummell, dem Gegenstand des neuen Buches von Michel Onfray, Ihren ideellen Ahnherrn sehen.

“Beau Brummell”, 1778 in London geboren und 1840 in Caen gestorben, ist das Urbild des Dandys, wie er uns aus Literatur und Kunstgeschichte überliefert ist. Lord Byron, Baudelaire, Oscar Wilde, der Prince of Wales und heute Tom Wolfe sind die berühmtesten Vertreter einer Lebensweise, die sich dem Baudelaire’schen Motto verschrieben hat: „Vor dem Spiegel leben und sterben“. In der Literatur folgen so unterschiedliche Gestalten wie Jay Gatsby, Willy Wonka, Patrick Bateman oder Gilderoy Lockhart auf je eigene Weise dem Vorbild Brummells. Der monomanisch auf Äußerlichkeiten und Oberfläche fixierte Salonlöwe, der lieber zehn Freunde verlor als die Gelegenheit, ein bissiges Bonmot von sich zu geben, ist über die Jahrhunderte zum Prototyp einer genuin modernen Lebensform geworden.
Dem Phänomen, dass die reale Gestalt zum stilbildenden Vorbild über die Jahrhunderte wird, ja geradezu einen Kult begründet, geht jedoch die Anstrengung voraus, das wirkliche Leben dieses Mannes, sein Auftreten, Reden und Verhalten, mit der Patina des Legendären zu versehen. Der französische Philosoph Michel Onfray unternimmt nun den Versuch, Wirklichkeit und Mythos gegeneinander zu halten: die “Wahrheit” eines Leben so nüchtern und neutral wie möglich beschreiben und dann analysieren, wie die Dichtung langsam den Blick auf sie verstellte. 


In Wirklichkeit, so Onfray, war Brummell nämlich “vor allem egoistisch, aggressiv, ironisch, zynisch, unhöflich, verlogen, betrügerisch, beleidigend, arrogant, süffisant, angeberisch und – natürlich – selbstgefällig”, “nur auf der Welt, um anderen schlechten Geschmack, fehlende Eleganz, Blasiertheit und mangelnde Bildung vorzuwerfen.“ Auch im weiteren Verlauf des ersten Teils seines Buches, in dem es um die reale Gestalt Brummells geht, lässt Onfray kein gutes Haar am Porträtierten. Nachdem Brummell über zwei Jahrzehnte lang Star der englischen Gesellschaft gewesen war, Günstling des englischen Prinzregenten George IV., unvermeidlicher Gast bei Empfängen, Gesellschaften und Orgien, änderte sich das Klima und das Publikum wurde seines Narren in Gestalt des Dandys überdrüssig. Das letzte Vierteljahrhundert lebte er im französischen Exil nun vollends das Leben eines Gescheiterten, wurde zu einem Schmarotzer, gelähmt von der Syphilis, ein menschenfeindlicher Trottel und schließlich – stinkend und zahnlos – ins Irrenhaus gebracht. 
Auch die bisherigen Gönner, denen Brummell seinen aufwendigen Lebensstil zu verdanken hatte, entzogen ihm nämlich ihre Gunst, nachdem er durch ein weiteres unverschämtes Aperçu beim Prinzen in Ungnade gefallen war - er musste fliehen, erst nach Calais, dann nach Caen, um dort schließlich mittellos und unter erbärmlichen Umständen zu sterben. Onfray resümiert: “So kam der alte Beau in ein schmutziges, stinkendes Gefängnis, man warf ihn auf den Mist.”
So schonungslos, so bar jeden Romantisierens, wie es das Zitat offenbart, benennt Onfray im ersten Teil die Charakterfehler, dass man sich fragt, was den Philosophen überhaupt dazu bewogen haben mochte, sich einer derart abstoßenden Gestalt zu widmen. Die Antwort darauf gibt der zweite Teil, folgerichtig „Konstruktion eines Mythos“ überschrieben. Denn es ist genau dieser Gegensatz zwischen dem “König der Dandys”, dessen bloße Existenz für Generationen das Nachbild eines Pioniers in Fragen des guten Geschmacks und einem tatsächlich mehr als zweifelhaften Gebaren, das nicht gerade von ästhetischer, geschweige denn geistiger Überlegenheit zeugt, die wir heutigen dem Dandy so gern unterstellen. 
“Nicht seine Taten etablieren den Dandy, sondern diejenigen, die ihn mit ihren Schriften erst im Verlauf der Geschichte erschufen”, schreibt Onfray und meint damit vor allen anderen Jules Barbey d’Aurevilly und Charles Baudelaire. Ihnen ging es in ihren Schriften, wie Onfray nachzeichnet, nicht um die Gestalt Brummells selber, sondern um den Entwurf eines Konzepts: die Erstellung einer Legende, die die eigene Existenz in mythisches Licht rückt. Onfray zeichnet eine Entwicklung nach, die jeder Mythenbildung eigen ist: die Entfernung der Erzählung von ihrer Quelle. Schon bei Barbey verschwindet die konkrete Geschichte Brummells hinter der konzeptuellen Figur, die als Ikone für eine Kunst des Künstlichen, des Je-ne-sais-quoi, der Langeweile herhalten muss; bei Baudelaire dann findet die noch unser Verständnis vom Dandys prägende Umdeutung statt. Brummell wird zum Ur-Vater einer Ästhetik der Existenz jenseits von Parfum und extravaganter Kleidung. Der Dandy wird zum “Künstler des Selbst”, seine Technik die herausgestellte Selbstsorge, in der eine “Zucht der Seele” eine Art Aristokratie der Moderne begründen soll. 

Im Grunde erscheint dieser Essay als Vorarbeit für eine Theorie des Dandytums in der Moderne, eine erste Materialsammlung und Phänomenologie, deren Wert und Reiz in der noch auszuarbeitenden Behauptung liegen könnte, die an den Schluss des Buches gestellt ist. Onfray, der sich auch in Interviews als Untergangsprophet gibt (“Die grausame Wahrheit ist, dass unsere Zivilisation zusammenbricht.”), sieht in der Figur des Dandys einen Gegenentwurf zur Dekadenz des Westens. Der Dandyismus könne in seinem Baudelaire’schen Anspruch, eine neue Art von Adelsherrschaft zu gründen, als “Alternative zur Barbarei unseres gegenwärtigen Europa” gelten, “das zusammenfällt wie einst das Römische Reich.”

Im Gegensatz zu den Werken, für die Onfray berühmt-berüchtigt geworden ist (ein Buch gegen Freud und eins gegen Gott, um nur die jüngeren zu nennen), hat das schmale Bändchen über Brummell jedoch nichts genuin Philosophisches an sich, es enthält keine kulturtheoretischen Erkenntnisse über Wesen und Eigenart des Dandytums und kommt im Ganzen wie eine solide, von kleinen Sachfehlern nicht freie Seminararbeit daher, über deren eher trockenen Charakter nur das inspirierende Sujet und die – wie bei Karl Lagerfelds feiner Edition im Steidl Verlag üblich – geschmackvolle Ausstattung der Ausgabe hinwegtäuschen.

Wer originelle Einsichten erwartet, wird also enttäuscht. Inwieweit sich in dem Schicksal Brummells und in der Legendenbildung durch spätere Dichter die Signatur der säkularen Neuzeit spiegelt; inwieweit die Figur des Dandys als postmoderner Jesus eine individualistische “Religion ohne Transzendenz” begründet; oder inwieweit in ihr die Präfiguration des egozentrischen Künstlers und der moderne Kult des Ästhetizismus angelegt sind – für solche Fragen interessiert sich Onfray nur über Bande. Indem er d’Aurevillys und Baudelaires Wertungen zitiert, sich selber aber jeglicher Spekulation und Theoriebildung enthält, hat Onfray eine Studie vorgelegt, die in ihrem schlichten Anspruch und ihrer stilistischen Uninspiriertheit sowohl ihrer eigenen ästhetischen Erscheinung als auch dem Geist des Dandytums widerspricht – beinahe ein reizender Gegensatz. 

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Zum Welttag der Poesie: “weg nach mandalay” (brandneues und kostenloses Gedicht)

weg nach mandalay


die welt der irrtümer beginnt hier
mit dem ausziehn der schuhe, der weg
der großen unbotmäßigen verständnislosigkeit
wirf alles weg was du verstehst, sag
wir gedenken der fremden toten
& unser ausflug wird lange
nicht zu ende sein. wir schlagen
unsren pfad ein, ochsenwagen
weisen uns die spur / wir spüren noch
die schweißnähte der schienen wie ein lied
in unsren gliedern. im wasser wimmelt es
von fischen die kurz vorm regen
nicht anders können
als unsre müde fahrigkeit
mit gleichmut zu strafen. 1 geruch von feuer
kauert sinnend in den scharten der pagoden
wir pilgern wie die krähen, ruchlos
im schatten eine schrift ohne schnörkel gesenkt
die köpfe schwer von sehnsucht nach schlaf und visionen.

lassen wir die erleuchteten
die weisen männer unsrer ahnenreihe
elfenbeinknöchelnd sanft vor unsren augen
durch die luft fliegen turnübungen
übernächtigter geister die wir sind : so schwirrt
so flüstert bronze. am abend
unsre finger
sie riechen noch immer
danach

als schmückten sie die rechte hand eines buddhas.


© Gunnar Kaiser, 2015 

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